{"id":122,"date":"2004-03-26T03:24:44","date_gmt":"2004-03-26T03:24:44","guid":{"rendered":"http:\/\/tausendhoch3.de\/Anama\/wordpress\/?p=122"},"modified":"2010-02-26T13:11:25","modified_gmt":"2010-02-26T13:11:25","slug":"osho-times-32004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lockedinsyndrom.de\/?p=122","title":{"rendered":"Osho Times 3\/2004"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: large;\"><span style=\"color: #6f0000;\"><a href=\"http:\/\/lockedinsyndrom.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2004\/03\/Erschienen-in-der-Osho-Times-3-2004-Seite-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-211\" title=\"Erschienen in der Osho-Times 3-2004 Seite 1\" src=\"http:\/\/lockedinsyndrom.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2004\/03\/Erschienen-in-der-Osho-Times-3-2004-Seite-1-243x300.jpg\" alt=\"\" width=\"243\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/lockedinsyndrom.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2004\/03\/Erschienen-in-der-Osho-Times-3-2004-Seite-1-243x300.jpg 243w, https:\/\/lockedinsyndrom.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2004\/03\/Erschienen-in-der-Osho-Times-3-2004-Seite-1.jpg 567w\" sizes=\"(max-width: 243px) 100vw, 243px\" \/><\/a>Ja zum Leben<\/span><\/span><\/p>\n<p><strong>Anama, die seit vier Jahren infolge eines Hirnstamminfarkts gel\u00e4hmt ist, schreibt \u00fcber ihr Leben mit der Krankheit<\/strong><\/p>\n<p><em>ICH LEBE GERNE! Auch wenn ich nicht verschweigen m\u00f6chte, dass ich mir immer wieder die Frage stelle, ob so ein Leben lebenswert ist.<br \/>\n<\/em><br \/>\nKurz zu meiner Vorgeschichte:<\/p>\n<p>Ich wurde 1967 als zweites Kind von zwei Gastronomen in H\u00f6xter an der Weser geboren. Nach dem Abitur begann ich 1986 in der Pflege und machte im Anschluss eine Krankenpflegeausbildung in K\u00f6ln. Ich arbeitete dann u.a. in der Schwerstverbranntenintensivstation, wo ich immer wieder mit der Thematik des Sterbens konfrontiert war. Es war eine Auseinandersetzung, die mich nicht nur in meinem Beruf als Krankenschwester, sondern auch in meinem Inneren sehr bewegt hat. Bei meiner Arbeit damals ging es immer wieder darum, ob man bei einem schwerst verletzten Patienten die Intensivmedizin einsetzen oder ihn sterben lassen sollte. Immer wieder kam die Frage auf, ob so ein Leben noch lebenswert sei. Und dann stellte sich mir diese Frage auf einmal auf ganz pers\u00f6nliche Weise: am 11.August erlitt ich einen massiven Hirnstamm-Infarkt und lebe seither mit dem sogenannten Locked-In-Syndrom. Nach meinem Hirnstamminfarkt teilten die \u00c4rzte meinen Angeh\u00f6rigen mit, dass ich diesen Infarkt wohl nicht \u00fcberlegen werde. Daraufhin baten meine Angeh\u00f6rigen, mein Leben weitere drei Tage aufrecht zu erhalten, damit sich alle Freunde von mir verabschieden k\u00f6nnten. Es kam aber anders: ich habe \u00fcberlebt, wenn auch mit einem Locked-In-Syndrom. Damit hatte niemand gerechnet, &#8211; ich bin eben ein ziemlich z\u00e4her Knochen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>An das darauffolgende Jahr kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Ich wurde lange Zeit k\u00fcnstlich beatmet und ruhig gestellt. W\u00e4hrend der Zeit auf der Intensivstation gab es Momente, wo es mir sehr schlecht ging. Ich war schon in einer anderen Welt. Dieses Erlebnis hat mich sehr gepr\u00e4gt. Auf einmal war alles k\u00f6rperlos. In v\u00f6lliger Harmonie traf ich Verstorbene wieder. Der K\u00f6rper spielte keine Rolle mehr, es war das pure Bewusstsein. Diesen Zustand kann ich nicht belegen oder beweisen, aber er ist unendlich wertvoll f\u00fcr mich.<br \/>\nUnd dann wachte ich wieder auf und hatte die Bescherung: Locked-In-Syndrom! Das hei\u00dft: ich konnte mich nicht mehr bewegen und auch meine Stimmb\u00e4nder waren vollst\u00e4ndig gel\u00e4hmt. Ein ganzes Jahr verbrachte ich dann in einer Rehaklinik. Seit zwei Jahren wohne ich jetzt in meiner eigenen Wohnung. Dort werde ich von Assistenten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK ) rundum versorgt. Ich bin auf den Rollstuhl angewiesen, meine Armbeweglichkeit ist unwillk\u00fcrlich. Seit Oktober 2002 kann ich den Kopf wieder alleine halten, brauche keine Kopfst\u00fctze mehr. Heute kann ich auch wieder leise sprechen.<br \/>\nSo viel zu meiner Vorgeschichte.<\/p>\n<p>Ist dieses Leben nun lebenswert oder nicht? Diese Frage stelle ich mir \u00f6fters, zumal sie dauernd von der Au\u00dfenwelt auf mich zukommt. Ein sehr entscheidender Punkt ist dabei f\u00fcr mich die Bewertung meines K\u00f6rpers. Viele Menschen werden vielleicht \u00fcberrascht sein, aber mein K\u00f6rper ist sehr zentral in meinem Leben.<br \/>\nDurch den Infarkt hat sich mein Leben von Grund auf ge\u00e4ndert, es sind quasi zwei Leben in einem. Meine \u00e4u\u00dfere Erscheinung hat sich vollkommen ver\u00e4ndert, und das ist ja sehr auf den K\u00f6rper bezogen. Den Kern in mir erlebe ich dagegen sehr \u00e4hnlich wie fr\u00fcher , also kann ich nicht nur der K\u00f6rper sein. W\u00e4re das anders, w\u00fcrde ich ja bei meinem k\u00f6rperlichen Tod sterben. Dann w\u00e4re mir der k\u00f6rperliche Zustand extrem wichtig, die h\u00f6chste Maxime sozusagen. Mit meinem Glauben, dass ich mehr bin als der K\u00f6rper, kann ich ziemlich gelassen leben und abwarten, was das Leben mich alles noch erleben l\u00e4sst. Mir ist das eine wahnsinnige Hilfe, eigentlich die Gew\u00e4hrleistung, dass ich bisher \u00fcberhaupt \u00fcberleben konnte und nicht vollkommen resigniert habe.<br \/>\nIch habe deutlich am eigenen Leib erfahren, wie sich das Leben von einem Moment auf den anderen total ver\u00e4ndern kann. Mir erscheint es so, dass nichts im Leben sicher ist. Ich kann nur in diesem Augenblick leben, &#8211; im n\u00e4chsten Moment kann schon eine v\u00f6llig andere Lebenssituation eintreten.<\/p>\n<p>Immer wieder sp\u00fcre ich den Schmerz um das Vergangene. Aber durch diesen Schmerz bin ich auch gewachsen. Ich habe erfahren, dass mir nur die Akzeptanz meines Zustandes helfen kann.<br \/>\nDabei w\u00e4ren wir bei der Frage `Was ist normal?\u2019. Es wird immer wieder dar\u00fcber geurteilt, was normal ist und was nicht. Ich kann z.B. nicht beurteilen, wie ein Mensch mit geistiger Behinderung sein Leben bewertet. Das zu tun, erschiene mir recht vermessen.<br \/>\nNat\u00fcrlich nervt es mich, dass ich nicht erwerbsf\u00e4hig bin. Ich w\u00fcrde gerne arbeiten, denn beinahe t\u00e4glich komme ich in das Gef\u00fchl, ich sei nichts wert. Ma\u00dfgeblich hervorgerufen durch Menschen von au\u00dfen, die mir dies vermitteln. Nat\u00fcrlich hat es bisher noch niemand gewagt, mir offen ins Gesicht zu sagen, dass er mein Leben nicht lebenswert findet. Die subtilen Blicke sagen es aber deutlich \u2013 f\u00fcr viele Menschen ist so eine L\u00e4hmung der totale Albtraum. Oft sehe ich jede Menge Mitleid in den Augen anderer und ich hasse diese mitleidigen Blicke.<br \/>\nIch m\u00f6chte aber nicht vergessen zu erw\u00e4hnen, dass viele Menschen sehr liebenswert zu mir sind. Ich bekomme jede Menge Zuneigung. Worauf das beruht, wei\u00df ich nicht. Aber mir tut es gut.<\/p>\n<p>K\u00f6rperlich bin ich mit meinem Zustand nicht zufrieden. Es finden nur langsam Fortschritte statt und das unter st\u00e4ndigen Therapien. Es ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Ich werde auch immer \u00e4lter und muss mich darauf einstellen, dass mit wachsendem Alter die ersten Altersbeschwerden kommen werden. So eine Erkrankung erfordert langj\u00e4hrige Disziplin f\u00fcr die verschiedenen Therapieformen. Es bedarf einer Menge Energie und schon eine Lungenentz\u00fcndung k\u00f6nnte mich um Monate zur\u00fcckwerfen. Von daher schaue ich genau auf meinen K\u00f6rper, wie es ihm geht. Man braucht ein starkes inneres R\u00fcckgrat, um nicht an der Situation zu verzweifeln. Zum Gl\u00fcck habe ich einige sehr gute Freunde, Freundschaften sind mir sowieso wichtig geworden. Neben den Freundschaften gibt mir mein Glaube Kraft. Das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild bei einem Locked-In-Syndrom zeigt durch das Abgeschlossensein, dass letztendlich jeder Mensch mit seinen Gedanken und Gef\u00fchlen allein ist, auch wenn er vieles mit anderen teilen kann.<br \/>\nInfolge meiner Krankheit ben\u00f6tige ich viele Hilfsmittel. Dadurch ist mir Technik kein Fremdwort geblieben. So liebe ich zum Beispiel den Computer, durch den ich viele Kontakte nach Au\u00dfen per e-mail habe. Er ist f\u00fcr mich wie ein Fenster zur Welt geworden. Dort spielen \u00e4u\u00dfere Aspekte keinerlei Rolle. Und so vermeide ich die unterschiedlichsten Formen von Reaktionen meiner Umwelt. Ich bin sehr gerne zuhause. Und entscheide in jedem Augenblick wie viel Kontakt ich nach au\u00dfen haben m\u00f6chte. Auch haben sich die Formen meiner Kontakte dahingehend ver\u00e4ndert, dass es mir egal ist, ob ich gerade einem Mann oder einer Frau schreibe, vom Alter gar nicht zu sprechen. Ein Geschlechtsleben findet bei mir nicht mehr statt. Das mag vielen komisch vorkommen, mir aber nicht. Nat\u00fcrlich w\u00fcnsche ich mir manchmal einen Partner, aber das ist zumindest augenblicklich nicht m\u00f6glich. Und auch nicht das erstrebenswerte Ziel meiner Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Sehr \u00e4rgerlich ist die st\u00e4ndige Auseinandersetzung um die Bewilligung von Hilfsmitteln und Therapien mit meiner Krankenkasse. Ich pers\u00f6nlich kann nur von Gl\u00fcck sagen, dass meine Mutter meine ambulante Therapie im NTC ( ambulante Rehaklinik) mit \u00fcber 60.000 Euro privat finanziert hat. Ohne die Verbindung der verschiedenen Therapieformen und dem Austausch der Therapeuten untereinander, der nur in so einer Einrichtung m\u00f6glich ist, w\u00e4ren die Fortschritte h\u00f6chstwahrscheinlich nicht m\u00f6glich gewesen. Seit einem Jahr ist ein Verfahren wegen der Finanzierung dieser Rehakosten beim Sozialgericht anh\u00e4ngig. Womit wir bei der Wirtschaftlichkeit eines Lebens w\u00e4ren. Es sind eine Menge Kosten entstanden. Aber so eine Erkrankung kann jedem jeder Zeit passieren &#8211; niemand sollte sich da so sicher sein -, und dann m\u00f6chte Mensch sicher nicht gesagt bekommen, dass er zu teuer sei, unwirtschaftlich w\u00e4re. In diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich auch erw\u00e4hnen, dass mir durch die fehlende Erwerbst\u00e4tigkeit nur eine kleine Rente zur Verf\u00fcgung steht, mit der ich mir wahrlich keine gro\u00dfe Spr\u00fcnge erlauben kann.<br \/>\nViele Menschen meinen, sie w\u00fcssten besser, was f\u00fcr einen gut ist und was nicht. Es passiert mir zum Beispiel dauernd, dass man mir sagen will, was ich wann und wo essen oder trinken soll. Ich habe mir angew\u00f6hnt, das in einem Ohr reingehen zu lassen und im anderen Ohr wieder raus. Anscheinend wirke ich f\u00fcr viele wie das kleine Kind , das selber nicht entscheiden kann, was es gerade braucht. Solche Leute nerven mich. Ich bin der \u00dcberzeugung, dass jeder Mensch nur f\u00fcr sich schauen soll, was ihm gut tut. Niemand ist in meiner Situation, und jeder sollte sich an die eigene Nase fassen. Vom Typ her bin ich ja eher frech. So mancher ist verwundert, dass eine Person mit k\u00f6rperlicher Behinderung so ist, erwartet er doch meist eine total liebe Person. Andere Menschen denken wieder, eine k\u00f6rperliche Behinderung sei mit einer geistigen Behinderung verkoppelt. Auch das ist falsch. Vielfach kennen sich die Menschen nicht aus mit Behinderungen. Von daher entsteht h\u00e4ufig eine Unsicherheit mir gegen\u00fcber. Meine Kontakte haben sich insofern ge\u00e4ndert, dass ich mit Menschen zu tun habe, die kein Problem damit haben, dass ich jetzt auch zu den Menschen mit Behinderung z\u00e4hle.<\/p>\n<p>Durch den Infarkt und die damit verbundene L\u00e4hmung habe ich einen anderen Blickwinkel auf die Welt bekommen. Damit meine ich zum Beispiel meine Freude \u00fcber eine in der Sonne strahlende Blume. Ich lerne immer mehr, die Natur zu sch\u00e4tzen und nicht wie getrieben durch die Welt zu rasen, um die Best\u00e4tigung von meiner Umwelt zu bekommen. Ich lebe viel mehr im Hier-und-Jetzt.<\/p>\n<p>Bei allen Fragen, die ich mir manchmal stelle, habe ich doch ein klares `Ja` zum Leben.     Mit Sorge betrachte ich die aufkeimende Diskussion, in der es um pr\u00e4natale Euthanasie und \u00fcberhaupt um Euthanasie geht.     Meiner Meinung nach ist es vermessen, wenn ein Mensch \u00fcber das Leben eines anderen urteilt und diese sogar vielleicht verurteilt. Ich pers\u00f6nlich kann nicht ermessen, unter welchen Umst\u00e4nden jemand auf dieser Welt sein Leben f\u00fchren m\u00f6chte. Schlimm finde ich, dass ein Menschenleben wirtschaftlichen Aspekten untergeordnet wird. Das Leben ist immer noch das gr\u00f6\u00dfte Gut, wie immer es auch aussehen mag.<\/p>\n<p>Heute frage ich mich immer weniger, ob mein Leben lebenswert ist. Die Frage erscheint mir immer absurder. Es ist einfach nicht meine Entscheidung, \u00fcber Leben und Tod zu urteilen. Und schon gar nicht \u00fcber den Zeitpunkt. Ich lebe im Moment, und das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach so. Ich habe mein Leben einer gr\u00f6\u00dferen Macht \u00fcberlassen, wie immer sie auch aussehen mag. Man k\u00f6nnte auch sagen, ich habe Gott an die Nr. 1 gestellt. Er oder sie wird entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt f\u00fcr die Geburt oder den Tod gekommen ist. Das liegt nun wirklich nicht in meiner Hand. Und beides sind nun einmal Teile meines Lebens.<br \/>\nIch kann nur dar\u00fcber entscheiden, wie ich den Augenblick wahrnehmen m\u00f6chte, bewerten m\u00f6chte. Und eigentlich m\u00f6chte ich ein angenehmes Leben haben, mit viel Liebe und Lachen, also bewerte ich das Leben einfach einmal positiv. Das mag sich ziemlich naiv anh\u00f6ren, vielleicht ist es das auch, aber es tut mir nun einmal gut, und das erscheint mir das Wichtigste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja zum Leben Anama, die seit vier Jahren infolge eines Hirnstamminfarkts gel\u00e4hmt ist, schreibt \u00fcber ihr Leben mit der Krankheit ICH LEBE GERNE! Auch wenn ich nicht verschweigen m\u00f6chte, dass ich mir immer wieder die Frage stelle, ob so ein Leben lebenswert ist. 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